„Ghost Town Radio“ weckt die Lebensgeister

„Ghost Town Radio“ weckt die Lebensgeister

Freitagabend in Regensburg. Um diese Zeit füllen sich normalerweise die Kneipen und Restaurants, später dann die Clubs der Stadt. Seit einigen Wochen ist alles anders. Nun treffen wir uns höchstens virtuell mit unseren Freunden und stoßen über das Smartphone oder das Tablet miteinander an. Um zumindest die passende Musik für den Einstieg ins Wochenende hören zu können, hat Adam Lederway, der ursprünglich aus Long Island, New York stammt, den Internetradiosender „Ghost Town Radio“ in Regensburg ins Leben gerufen.
 
Pünktlich um 19 Uhr dreht er den Regler hoch und es folgt eine Stunde lang eine Mischung aus Musik, regionalen Nachrichten von Stefan Aigner und Kurzinterviews mit Gästen. Für die Tagesschau wird ab 20 Uhr eine viertel Stunde lang pausiert, es sei denn, ein interessanter Gast ist in der Leitung, dann darf auch schon mal überzogen werden. Wie zum Beispiel an diesem Abend der Psychologe Gerd Hecht, der Tipps dazu gibt, wie man besser mit der sozialen Distanz umgehen kann. Danach geht es mit einem Gastmoderator weiter. An diesem Freitagabend heißt er Mike Kalodner. Er spielt seine Lieblingshits aus den 1980er Jahren, gepaart mit original Nachrichtenbeiträgen aus dieser Zeit. Eine Stunde lang fühlt man sich tatsächlich in dieses Jahrzehnt versetzt, während man bequem auf der Couch seinen Mitbewohnern mit einem kalten Bier zuprostet. Gar kein schlechter Freitagabend.
 
Adam, wie bist du auf die Idee gekommen, einen Radiosender zu gründen? War das schon länger ein Traum von dir?
 
Ja, diese Idee ist schon sehr lange in meinem Kopf. Als ich noch in New York gelebt habe, wo ich auch geboren bin, habe ich für einen Community-Radiosender gearbeitet und dort jahrelang verschiedenste Arten von Radio gemacht. Als ich vor 17 Jahren nach Regensburg gekommen bin, war ich überrascht, dass es hier so etwas nicht gibt. Seitdem ist diese Idee in meinem Kopf, nur hatte ich nie Zeit, sie zu verwirklichen. In diesen „strange times“ ist endlich der richtige Zeitpunkt gekommen …
 
 
Woher stammt der Name?
 
Als ich entschieden habe, dieses Projekt zu starten, habe ich aus dem Fenster in Stadtamhof, wo ich wohne, geschaut und die leeren Straßen gesehen. Da kam mir irgendwie „Ghost Town“ in den Sinn. Außerdem haben Freunde von mir ein tolles Regensburger Plattenlabel namens „Ghost Town Noize“. Da dachte ich, das passt gut.
 

 
Wie viel Zeit investierst du pro Woche in die Sendung und wie findest du Interviewpartner und Gast-Moderatoren?
 
Ich nutze eigentlich jede freie Minute für das Projekt, wenn ich nicht meinem normalen Job nachgehe. Es ist sehr zeitaufwendig, aber ich empfinde es nicht als Arbeit, weil es mir so viel Spaß macht. Ich habe das Glück, dass ich sehr viele interessante Leute mit so vielen unterschiedlichen Talenten in meinem Leben kennenlernen durfte – da ist die Suche nach Interviewpartnern und Gastmoderatoren überhaupt kein Problem.
 
 
Inwieweit spielt der Shutdown eine Rolle? Würde es dieses Projekt auch ohne Corona-Virus geben?
 
Ich muss leider zugeben, dass ich das Projekt ohne die Corona-Krise wahrscheinlich nie verwirklicht hätte, weil ich so mit meinem Alltag beschäftigt war. Es war irgendwie nie der richtige Zeitpunkt dafür. Ob das Interesse an einem „alten“ und langsamen Medium wie Radio in einer schnelllebigen Zeit so groß gewesen wäre, wage ich zu bezweifeln. Jetzt vermissen die Leute persönlichen Kontakt – und das kann Spotify eben nicht bieten. Aber Radio kann das bieten und zu meiner Freude hören viele Menschen zu.
 
 
Wie gehst du im Alltag mit der aktuellen Krise um?
 
Ich habe gemerkt, dass ich jede Begegnung jetzt viel mehr schätze als früher. Und ich finde die Zusammenarbeit und den kreativen Austausch, den ich durch den Sender habe, unglaublich bereichernd. Also ich begegne der Krise mit dem dem Medium „Radio“. „Radio“ ist im Moment meine Antwort auf alles.
 
 
Welche Musik spielst du selbst gerne und was würdest du niemals laufen lassen?
 
Mir gefällt alles, was die Nerven in meinem Gehirn stimuliert. Und das kann in jedem Genre passieren. Bei der Frage „was ich nie laufen lassen würde“ ist es genau so – ich würde nie etwas spielen, an das ich nicht mit vollem Herzen glaube. Auch das ist unabhängig von der Art der Musik.
 
 
Darf jeder mitmachen, der sich bei dir meldet oder gibt es Einschränkungen?
 
Jeder sollte präsentieren, was er liebt und diese Begeisterung auch rüberbringen. Es muss nicht mein Geschmack sein, aber ich will die Leidenschaft meines Gegenübers spüren. Wenn das der Fall ist, darf er oder sie mitmachen. Leidenschaft ist nämlich ansteckend – vielleicht entdecke ich durch die Leidenschaft eines anderen Musik, für die ich vorher nicht offen gewesen wäre. Und das ist das Tolle am Radio.
 
 
Denkst du, dein Sender wird auch über die Krisenzeit hinaus Hörer finden?
 
Ich hoffe es. Wenn unsere Sendungen weiterhin eine so hohe Qualität behalten, wie es momentan der Fall ist, kann ich es mir gut vorstellen. But time will tell …
 
 
Adam Lederway ist 43 Jahre alt, wohnt seit 17 Jahren in Regensburg kommt ursprünglich aus Long Island, New York. Die Liebe hat ihn hierher verschlagen und wegen des Bieres ist er geblieben. Seine Leidenschaften Musik, Film und Kultur bringt er nun während seiner eigenen Sendezeit zusammen, denn der kreative Austausch mit anderen ist ihm wichtig. Er freut sich auf Anfragen zum Mitmachen unter ghosttownregensburg@gmail.com und ist erstaunt darüber, was Menschen alles produzieren können.
Unbedingt freitags und samstags ab 19 Uhr reinhören unter: https://ghost-town-radio.de
 
 
Autorin und Foto:
Gerda Stauner

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